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Veränderungen der Moosflora

Neophyten

Als Neophyten werden Pflanzen bezeichnet, die nach 1500 durch direkte oder indirekte Mithilfe des Menschen in ein Gebiet eingeschleppt wurden, in dem sie vorher nicht vorkamen.

Bei Moosen ist der Nachweis von Neophyten nicht einfach, weil einerseits kaum Informationen zu Vorkommen von Moosen vor dem 19. Jahrhundert vorliegen und andererseits die Ausbreitung einer kleinen, oft unscheinbaren Moosart schwer zu verfolgen ist. Es gibt nur wenige Experten, die Moose kennen, wodurch ein Vorkommen lange Zeit unentdeckt bleiben kann. Werden schliesslich Arten neu für ein Gebiet entdeckt, ist meist nicht klar, ob sie tatsächlich neu an diesem Ort vorkommen oder bisher nur übersehen wurden.

Aus diesen Gründen können bisher in der Schweiz nur vier Moosarten als Neophyten bezeichnet werden:

Kaktusmoos
Das Kaktusmoos ist an den oft zurückgeknickten,
weisslichen Blattspitzen relativ leicht zu erkennen.
© A. Bergamini

Campylopus introflexus  Kaktusmoos

Die Ausbreitung des Kaktusmooses wurde in ganz Europa verfolgt. Die Moosart ist auf der südlichen Halbkugel verbreitet und wurde auf der Nordhalbkugel zum ersten Mal 1941 in England nachgewiesen. In den folgenden Jahrzehnten breitete sie sich über England und Irland aus und wurde nach und nach in immer mehr europäischen Ländern nachgewiesen (Frankreich, Niederlande, Belgien, Deutschland, Dänemark, Italien). Sie ist besonders auffällig weil sie auf offenen, nährstoffarmen Böden in Massenbeständen vorkommt und grosse geschlossene Teppiche von vielen Quadratmetern bilden kann. Heute ist sie über weite Teile Europas verbreitet. Eine ausführliche Dokumentation der Ausbreitung dieser Art mit aktuellen Verbreitungskarten wurde von Klinck (2010) erstellt. In der Schweiz wurde Campylopus introflexus erstmals 1980 im Kanton Solothurn gefunden und ist heute von ca. 60 Fundorten bekannt. Obwohl man in der Schweiz keine grossen Massenbestände kennt, wird die Art zunehmend aus lichten, oberflächlich versauerten Wäldern gemeldet.
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Mondbechermoos
Das Mondbechermoos vermehrt sich bei uns über-
wiegend durch Brutkörper, die in halbmondförmigen
Bechern gebildet werden. © H. Hofmann.

Lunularia cruciata  Mondbechermoos

Das Mondbechermoos wurde mit Kulturpflanzen in Botanische Gärten eingeschleppt. Der erste datierte Nachweis aus der Schweiz stammt von 1855 aus dem Botanischen Garten Bern. Zu etwa gleicher Zeit gab es Funde in den Botanischen Gärten Genf und Zürich sowie aus einzelnen Privatgärten. Die Art konnte sich durch ihre Brutkörper und mit Hilfe von umtopfenden Gärtnern allmählich ausbreiten und war lange nur in Gärten, Parkanlagen und Friedhöfen zu finden. Erst seit ca. 1970 taucht sie auch in naturnahen Pflanzengesellschaften auf. Sie besiedelt dort bevorzugt Uferbereiche von kleineren Bächen. In der Schweiz kommen sowohl weibliche, wie auch männliche Pflanzen vor, so dass sich das Mondbechermoos nicht nur durch seine Brutkörper, sondern auch geschlechtlich fortpflanzen kann. Das Ursprungsgebiet dieser heute fast kosmopolitisch verbreiteten Art kann nicht mehr genau eruiert werden, dürfte aber im Mittelmeerraum liegen.
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Rindehohlblattmoos
Das Rinde-Hohlblattmoos wächst auf totem Holz und
ist an den reichlich vorhandenen, aufrechten Sporen-
kapseln erkennbar. © N. Schnyder.

Sematophyllum adnatum Rinde-Hohlblattmoos

Sematophyllum adnatum ist ursprünglich in Nord- und Südamerika sowie Afrika beheimatet. In Europa wurde die Art erstmals 1999 in Nord-Italien gefunden (Brusa 2000). Wie sie nach Europa gelangt ist, ist unklar. Es ist möglich, dass sie mit importiertem Holz oder importierten Pflanzen eingeschleppt wurde (Brusa 2000), aber eine natürliche Ausbreitung durch Winde ist nicht ganz auszuschliessen (Frahm 2014). Sematophyllum adnatum ist eine kleinere Moosart, die aber aufgrund der meist zahlreich vorhandenen Sporenkapseln auffällt. Ihr Ausbreitungspotential mittels Sporen ist gross. In der Schweiz wurde sie erstmals 2014 im Tessin gefunden (Schnyder 2015). Die Schweiz ist damit das zweite Land in Europa in dem die Art nachgewiesen wurde. Sie wächst in Auenwäldern, an der Basis von Bäumen und an Totholz. Eine Bedrohung der einheimischen Moosflora ist momentan nicht erkennbar.
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Blattglanzmoos
Das Blatt-Glanzmoos bildet winzige, wenige Millimeter
grosse, knospenartige Pflänzchen auf offenen Böden
© M. Lüth.

Leptophascum leptophyllum Blatt-Glanzmoos

Leptophascum leptophyllum ist eine kleine Moosart, von der man annimmt, dass sie durch menschliche Aktivitäten (Acker- und Gartenbau) verbreitet wird. Die ursprünglich subtropisch verbreitete Art wurde in Nordeuropa erstmals 1964 in England auf der Isle of Wight gefunden (Hill et al. 1991-94). Heute gibt es Nachweise aus Deutschland, Frankreich, Polen, Österreich, Ungarn, Italien, Spanien und Portugal (Hodgetts 2014). Vermutlich ist sie in den Ländern um das Mittelmeer einheimisch. In der Schweiz wurde sie erstmals 1998 im Tessin gesammelt, aber erst 2017 als diese Art erkannt. Sie wächst auf offenen, leicht sauren, meist vom Mensch beeinflussten Bodenflächen. Das Blatt-Glanzmoos vermehrt sich durch abbrechende Blätter und Brutkörper an seinen Würzelchen, die im Boden verbleiben und z.B. im Ackerbau leicht verbreitet werden.
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Literatur

Brusa G., 2000. New national and regional bryophyte records. 3. Sematophyllum adnatum(Michx.) E. Britton. — Journal of Bryology 22: 305.
Frahm J.-P., 2014. Tropische Moosarten in Europa. — Archive for Bryology 197: 1–8.
Hodgetts N., 2014. Checklist and country status of European bryophytes - towards a new Red List for Europe. — Manuskript.
Hill M.O., Preston C.D., Smith A.J.E., 1991-1994. Atlas of the Bryophytes of Britain and Ireland, 3 vols. — Harley Books, Colchester.
Klinck J. 2010. NOBANIS – Invasive Alien Species Fact Sheet – Campylopus introflexus. — From: Online Database of the North European and Baltic Network on Invasive Alien Species - NOBANIS www.nobanis.org, 16.2.2011.
Oesau A. 2002. Phascum leptophyllum Mull.Hal. ein Neubürger der rheinhessischen Ackermoosflora. — Limprichtia 20: 117-127.
Schnyder N. 2015. Sematophyllum adnatum (Michx.) E.Britton - Neufund in der Schweiz. — Meylania 56: 29–31.


Autorin: H. Hofmann  1.2011, ergänzt 11.2020